MANIFEST AN MICH UND DIE GESELLSCHAFT

Gestern habe ich eine Künstlerin, die ich über Instagram kennengelernt habe, (ich fand sie und ihre Arbeiten so super und habe sie deswegen angeschrieben) gefragt, wie es ihr denn so geht und woran sie gerade dran ist und sie hat mir eine Sprachnachricht geschickt wo es unter anderem darum ging, dass sie sich im Moment aktivistisch im öffentlichen Raum engagiert, da sich eines ihrer 3 Kinder im Autismus Spektrum befindet und sie sich dahingehend mit ihrer künstlerischen Praxis auseinandersetzt. Ich dachte WOW wie cool, fasziniert mich total, dass sich jemand aktivistisch für eine Sache einsetzt, die der Welt gut tut. Warum mache ich das eigentlich nicht? Oder mache ich das eh, aber wie?!?, Moment darüber muss ich nachdenken.
Ich frage mich manchmal wohin ich mein ganzes Wissen, dass ich mir über Podcasts, Interview, Bücher, Gespräche, Therapien usw. aneigne, eigentlich richte. Was mache ich damit, wo speichere ich es ab, wie wende ich es an, wie bringe ich es nach außen, wie mache ich es sichtbar, welche Sprache finde ich dafür und aber um in der Jugendsprache meiner Kinder zu bleiben, warum zum fick mache ich mir überhaupt so viele Gedanken dazu?
Meine Mama kommt am Allerseelen Tag zu uns und kocht unser Lieblingsessen, während die Kinder schlafen und ich das Wohnzimmer putze, nachdem ich den Garten winterfest gemacht habe. Gut ausgeschlafen, da ich absolut priviligierterweise gerade von meiner genialen Freundin nach Venedig eingeladen wurde, war ich total motiviert mein schönes cosy Haus sauberzumachen um wieder top organisiert in den Alltag einsteigen zu können. Nach 6 Stunden Saubermachen (mein Wohnzimmer ist mini, aber ich habe mich total reingesteigert, die Bücherregale gründlichst und einen der vorhandenen Schränke auszumisten) sage ich also zu meiner Mama: „Ich muss mir was einfallen lassen, denn ich habe keinen Putzrhythmus, außer das meine Kinder das Bad und Klo machen und ich ständig von einem Zimmer ins Nächste von Woche zu Woche eile, aber es mich ständig nervt, da es immer irgendwo grindig ist, seit ich keine Reinigungskraft mehr habe.“ (bereits seit 4 Jahren nicht mehr, aber ich hatte eben mal eine und kenne den Unterschied). Und ich ja sowieso nie hinterher komme, wesentlich besser allerdings, seit ich getrennt bin (und die Kinder ausschließlich bei mir sind) mit Terminen, Erwerbsarbeit, Selbstständigkeit, emotional Load, und mit all den Herausforderungen konfrontiert bin, den böswilligen Handlungen meines Ex-Mannes (Nachtrennungsgewalt per Definition, wie die Sozialarbeiterin mir mitgeteilt hat, nachdem ich mit ihr aufgrund von Anzeigen seinerseits, telefoniert habe).
Und sie sagt also zu mir, naja jetzt machst du das Gleiche mit ihnen, wie du es auch mit deinem Ex-Mann gemacht hast, du versuchst alles zu stemmen, bietest zu viel an, sich kümmern um die eigenen Kinder ist ja gut. Aber die sind 16 und 18, du kannst denen viel mehr zumuten, und das ist auch wichtig und notwendig, denn stell die vor, die ziehen morgen aus, meinst können die überleben, einen Haushalt führen? Die machen ihre Zimmer und das Bad und das Klo. So, dh du machst den Rest, …..das Wohnzimmer, die Küche, Esszimmer, Stiegenhaus….blablabla….und während sie das sagt, denke ich. OIDA.
Sie hat Recht. How comes? Das ist viel zu viel, nicht dass ich das nicht weiß, aber wieso mach ich es dann so? Und spüre eine Kraft und Wut und mir und beschließe am Abend eine Liste zu machen (wie ich es schön brav seit Jahren oder besser gesagt sein ich getrennt bin noch vehementer all meinen Freundinnen sage) wofür ich zuständig bin, was ich alles mache, alle Einzelschritte aufzuschreiben (und die Küche saubermachen hat 14 Schritte)!! 3 Seiten geschrieben, beschließe ich also mit den Kindern am Abend ein Gespräch zu führen. Ich überlege, wie ich es sagen werde, mit viel Feingefühl, freundlicher Stimme, gut gelaunt, wohl überlegt, aber nicht grantig und genervt, auch nicht heulend winselnd, und merke wie aufgeregt ich bin. JA genau wir reden hier davon, dass ich meine Kinder/Jugendliche/Erwachsene um Hilfe bitten werde, da mir alles zuviel ist und ich hardcore in der Menopause angelangt, mehr Ruhepausen brauche, und nicht nur von Ferien zu Ferien leben kann, und dieses Unterfangen ich als Revolte ansehe und mir ganz schön was abverlangt.
Ich frage mich, wieso fällt es mir so schwer, meine Grenzen aufzuzeigen? Wieso sage ich nicht öfter meinen mir gutgesonnenen Kindern, was ich brauche. Ich habe ein wirklich gutes Verhältnis zu meinen Kindern, wir 3 sind ein gutes Team und arbeiten hart daran unsere Vergangenheit aufzuarbeiten, mit Verlust, Trauer und Wut in allen unterschiedlichen Varianten umzugehen und alte Prägungen abzulegen, TO UNLEARN und neue unseren Werten entsprechende Beziehungspraxen in unseren Alltag zu bringen, die uns sowohl im Außen aber vorallem im Inneren mit Frieden, Stille und Liebe erfüllen.
Ich sage also zu ihnen beim Essen, ich möchte gerne mit ihnen reden und frage sie, ob sie während oder nach dem Essen bereit sind. (Ich merke sie versuchen gedanklich zu erraten und sind verunsichert, welche Neuigkeit ich wohl habe) Ich schiebe gleich hinterher, nichts Schlimmes, um für Entspannung zu sorgen. Lege also los und zeige ihnen meine Liste und komme mit Vorschlägen, versuche ruhig zu bleiben und bin gespannt auf ihre Reaktion.
Sie stellen Fragen, kommentieren, bitten mich nicht abzuschweifen und ein bisschen schneller zu machen, wir verhandeln einige Punkte und das wars. AH WOW.
Dann stehe ich vom Tisch auf und atme. Ich kann es gar nicht glauben, ich habe also in meinem kleinen Familienverband tatsächlich über etwas gesprochen, das ich ja tausendfach im kleinen und großen stets mache und zwar nicht nur zu Hause, sondern im Job, mit Nachbarn, mit Freunden, im Urlaub, was weiß ich, und trotzdem fühlt es sich für mich als eine Errungenschaft an. Ich habe mich entschieden auszusprechen was ich implementieren will, das ich als äußerst wichtig für mich, für sie und auch für die Gesellschaft finde. Ich lerne anzusprechen was mich stört, auszusprechen, um Hilfe zu bitten.
Ein Manifest an mich. Denn das Private ist politisch. Mein Verhalten gegenüber zwei jungen Menschen, die die Zukunft sind. Aus all meinen Fehlern, die ich in den letzten 18 Jahren gemacht habe, versuche ich zu lernen, verstehen zu lernen, warum ich mich so verhalten habe.
Ein fantastisches Buch von Sophia Fritz „DER MANN DAS OPFER“, ist das augenöffnenste was ich bis jetzt gelesen habe, und ich habe viele, sehr viele Bücher zum Thema Feminismus, Gleichberechtigung, Mental Load, Erziehung… gelesen. (ebenso empfehlenswert: Susanne Mierau, Genug erklärt! Warum Mütter nicht für die Erziehung von Vätern verantwortlich sind. — Eine Befreiung!
Ein Aufzeigen wie uns alle das Patriarchat im Griff hat, was wir Frauen davon lernen können, was wir von den Männern verlangen können und wollen – vorallem eines Verantwortung. Verantwortung über ihr Handeln zu übernehmen.
Es sind die Gespräche die uns weiterbringen, es ist das Vertrauen, dass wir einander aufbringen, das Öffnen, unsere Zerbrechlichkeit und Ängste zeigen. Die Allianzen die wir bilden, meine künstlerische Praxis, die mir hilft eine Sprache zu finden mit der ich nach Außen gehen kann, um das Leben zu umarmen.