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CHIOGGIA

PETRA GELL
vor 16 Stunden
4 Min. Lesezeit

Chioggia, ein Ort, zu dem ich seit meiner frühen Kindheit immer wieder zurückkehre. Mit einer Brücke verbunden in unmittelbarer Nähe zu Sottomarina, ein bekannter Badeort mit breiten Stränden voller maritimer Sonnenschirmreihen und diesem besonderen Adriaflair mit Coco Bello und Gelati Gibuti. Vieles ist gleichgeblieben, die Pizzeria al tavolo Da Leo, die Eisgeschäfte, der mercato al jovedi. Es fahren mindestens so viele mit dem Rad, am Packlträger steht jemand und Moped ohne Helm, wie Autos.

In den Häusern wird gekocht, es gibt im Erdgeschoss keine Vorhänge, die Menschen sitzen davor und telefonieren. Es verschwimmt der öffentliche mit dem privaten Raum. Ist es hier mehr miteinander? Ich genieße diese Einblicke, dieses Teilhaben, diese Offenheit. Jedenfalls mehr dolce vita. Ich denke darüber nach was an dem öffentlichen Raum hier in dieser Stadt anders ist. Ein lebendiger, sozialer Raum, der nicht allein durch Architektur definiert wird, sondern durch die Menschen, die ihn bewohnen, benutzen und miteinander teilen. Fischer, Frauen, NachbarInnen sitzen vor ihren Häusern, arbeiten, sprechen und begegnen einander. Alles ist viel offener, einladender, unkomplizierter, irgendwie entspannter. Man trifft sich an der Bar, un cafe geht einfach immer und immer wieder. Ist es eine bewusstere Entscheidung zum Leben, im Hier und Jetzt zu sein, sich auszutauschen? Einander zu fragen, wie es geht?

Diese unfassbar schönen Fischerboote, deren Rückseiten mit pastellfarbenen Textilien verhängt sind. Total meine Farben. Ich muss sie fotografieren, alle. Warum hängen die da, Beschattung, Schutz? Diese Farben, Flächen, Linien, Formen, ich kann mich nicht satt sehen.

Eine Verdichtung einer langjährigen Beziehung zu einem Ort, der sich bei jeder Rückkehr verändert und aber auch nicht und doch vertraut bleibt.

Ich bin eine andere, der Ort liegt mir noch genauso. Italien steh mir, wird mir gesagt. Das finde ich auch, allein diese Sprache, dieses Temperament, die Liebe zueinander, die Liebe zum Essen, zum Genuss.

ICH UND ITALIEN – oder nochmal ICH ALS ITALIENERIN

Wieso ist meine Sehnsucht nach Italien so groß? Diesen Sommer war ich mit meiner Mama und Schwester wieder mal in Chioggia, Lilliana besuchen. Ein Apartment mit Blick zur Lagune und zum Meer. In beide Richtungen aufs Wasser schauen, das reicht eigentlich schon. Kaum ausgestiegen vom Auto schaute ich, ob ich richtig bin und wo ich parken könnte. Sofort kam ein Fischer auf mich zu und fragte mich, wen oder was ich suchte, ahhh einen Parkplatz für eine Woche, na ich soll mitkommen, ein Freund von ihm hat hinterm Haus einen, der passt wunderbar. Er brachte mich zu ihm, checkte das und finito. Ein kleiner Mercato an der Ecke, meinte er noch, eine Pizzeria auf der anderen, ahja Freunde besucht ihr hier, na das ist ja schön.

ANGEKOMMEN möchte ich hier sofort für immer bleiben, oder jedenfalls für länger als eine Woche. Das Licht in der Lagune, die Boote auf den Wasserstraßen. Eine Ruhe liegt über dem Ort und beginnend auch über mich. Das ist genau das, was ich jetzt brauche nach einem Sommer, der wohl entspannt, aber immer mit dem vorhandenen Gefühl ich bin für alles verantwortlich. Was ja auch der Realität entspricht, aber man könnte ja meinen der Geist und auch der Körper kann in Momenten von DU BIST JETZT AUF URLAUB, JETZT ENTSPANN DICH DOCH MAL der vorgefundenen Realität, nämlich auf Urlaub sein, folgen. Jedenfalls merke ich wie ich innerlich von Minute zu Minute ruhiger werde. Das ist natürlich auch von außen sichtbar, aber meistens bin ich von außen betrachtet ruhig.

Ich kam schon mit der Idee her, dort hinzuspüren ob ich denn später noch einmal für 2 Wochen oder ein Monat hier herkommen will, wie denn das wäre. Vielleicht könnte ich ja bei Lilliana wohnen. Da ich seit vielen Jahren oder besser gesagt ich kann mich gar nicht erinnern wann und ob das schon mal war, nie alleine oder ohne Kinder auf Urlaub war. Einmal 3 Tage in Nizza mit Freunden, aber nie länger. Und so ein Wochendendtripp ist total bereichernd, aber zum Nachdenken, Erholen, oder Schreiben kommt man nicht.

Die Sehnsucht ein Monat in Italien zu schreiben habe ich schon lang. Der Drang wird immer stärker und klarer. Einfach mal vom Leben kurz aussteigen, so tun als könnte man die Welt kurz anhalten. Deswegen oder unteranderem bin ich Künstlerin, einen Job zu haben, wo ein Teil der Arbeit daraus besteht, dass ich mir erlauben kann, darüber nachzudenken was ich von der Welt möchte, oder von den Menschen. Vieles wird mir erst jetzt klar und fügt sich jetzt zusammen. Nicht jeden Tag verstehe ich es……an manchen Tagen frage ich mich, welchen Unterschied es macht, ob ich mich mit all diesen vielen Fragen auseinandersetze, Bilder dazu male, Gedanken und Texte schreibe, Ausstellungen mache, andere Künstlerinnen mit meinen Arbeiten verbinde. Aber wenn ich ganz tief bei mir bin, spüre ich wie wichtig mir all das ist, dass es sich richtig anfühlt, und nur so.

Eine Sehnsucht nicht vom Leben abgelenkt zu werden, nur ganz tief in Gedanken sein. Ein Ort so weit, leer, still. Wo ich Platz bekomme. Die Erfahrung von Weite, Stille, Licht, Horizont.

Was brauche ich zum Leben, wie schaut mein Lebensraum aus? Wie fühle, denke, arbeite ich?

Kann man seinen Lebensraum verändern, um einen anderen inneren Raum zu schaffen. Mehr Ruhe. Oder mehr Inspiration wollen. Welches Empfinden habe ich an diesem Ort?

 


 
 
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