BE NICE, MORE WILD! DAS ABSPRECHEN MEINER EMOTIONEN – SAY HI TO THE PATRIARCHY!
- PETRA GELL
- 15. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Foto: Maria Grün
„Du bist einfach so egoistisch, alles muss immer nach dir gehen, so wie du willst und du dir das vorstellst!“
Es geht um die Entscheidung in welche Schule die Kinder nach der Unterstufe gehen. Ich führe ein Gespräch mit meiner Schwester über ihre Tochter, die in die 3. Klasse Volksschule geht und sie mit ihrem Mann bald eine Entscheidung treffen wird, welche Schule für sie die beste sein könnte. Im Vorfeld hat sie bereits mit mehreren Elternteilen, meist Mütter gesprochen welche Erfahrungen diese, mit ihren Kindern in Bezug auf die Schulwahl getroffen haben. Mehrere Orte stehen zur Auswahl sowie mehrere Schultypen, und auch Spezialisierungen. Zuerst recherchiert man ja welche Schulen es gibt, zu welchen stellt man Verbindungen her und mit wem kann man sich dahingehend austauschen.
Man weiß ja, wie schwierig es ist für sich eine Entscheidung zu treffen, welche Ausbildung man machen soll, oder auch nur welches Fitnessstudio man wählt oder welchen Sport man überhaupt machen soll, welches Abendessen man sich kocht, welche Menschen man trifft usw.. Das sind alles Entscheidungen, die man für sich trifft, und daher auch klarerweise für die damit einhergehenden Konsequenzen Verantwortung übernehmen muss. Wie schwierig solche Entscheidungen manchmal sind, ist für jede/n nachvollziehbar, was es allerdings heißt eine Entscheidung für jemanden anderen zu treffen, ist nochmal eine ganz andere Herausforderung. Bedeutet es ja, dass man versucht sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, bzw. diesen Menschen versucht zu verstehen, zu begreifen mit all seinen Vorlieben, Interessen, Können, Stärken, Schwächen, Erfahrungen und dies alles immer in den Kontext stellt und versucht das nicht mit den eigenen Interessen, Erfahrungen, Stärken usw. zu vermischen, sondern klarerweise diesen Menschen möglichst für sich stehen zu lassen und ihn best möglichst abzuholen.
Natürlich kann diese Person dazu Stellung nehmen und versuchen darüber zu berichten, wie sie zu dem ganzen steht. Letztendlich aber liegt es in der Verantwortung der Eltern eine Entscheidung zu treffen, ist ein 8 jähriges Kind ja nicht in der Lage im entferntesten zu sehen, was so eine Entscheidung bedeutet.
Wenn sich dahingehend dann die Eltern nicht einig sind, wird es schwierig und es Bedarf nochmal mehr Gespräche, zu einem Konsens zu finden. Beim Gespräch mit meiner Schwester, wird mir wieder mal bewusst, wieviel Kommunikation notwendig ist, um ein Familienthema, das sich ja über Monate zieht, und ja bereits mit der Entscheidung der Kinderkrippe, Kindergarten, Volksschule usw. bis ins Erwachsenenalter zieht, möglichst gut zu durchlaufen ist.
Ich bin seit 2 Monaten geschieden und portionsweise fallen mir rückblickend immer wieder Situationen ein, in denen ich in der Rechtfertigung gelandet bin. Warum ich finde, dass es notwendig ist, soviel zu kommunizieren. Wie oft ich gehört habe: „Du bist so mühsam, alles willst du 1000mal besprechen, alles muss immer diskutiert werden, du bist so egoistisch, alles weißt du immer besser! Wenn du glaubst, dass du alles besser weißt, dann mach es so wie du willst, aber ich bin dann draußen, auf mich kannst du dann nicht zählen!“
Wieviel Zeit letztendlich in die emotionale Bewertung bzw. Abwertung meiner geforderten Kommunikation, die nicht mich, sondern mein Kind betroffen hat und nicht der Sache an sich gewidmet wurde, lässt mich immer noch staunen. Als ginge es stets nur um ein wer weiß es besser, wer hat Recht, wer setzt sich durch, wer hat mehr Macht. Nachdem ich dieses Thema nicht nur mit meiner Schwester, meinen Freunden, mit KollegInnen, mit der Nachbarschaft, sondern ich mich auch wissenschaftlich mit SoziologInnen, PsychologInnen, PhilosophInnen, GeschlechterforscherInnen usw. austausche, lässt sich durchaus festmachen, dass dies nicht nur ein persönliches Dilemma sondern ein strukturelles, gesellschaftliches gewachsenes Thema ist. Hahaha! Ja eh klar, das wissen wir ja jetzt nun wirklich schon. ODER? Das Patriarchat, hello!
Ja stimmt, und immer wieder und wieder finde ich mich in Situationen wieder, wo man mir versucht, meine Emotionen abzusprechen, indem man mir sagt: „Du bist so forsch, so fordernd, so hysterisch, zu sensibel, zu emotional, du reagierst total über, bist zu wehleidig, anmaßend, unprofessionell usw.. Und immer wieder verbringe ich Stunden damit, zuerst grübelnd und dann viele Stunden mit Freundinnen herauszufinden wieviel Wahres an den Zuschreibungen dran ist. Vielleicht habe ich ja wirklich über reagiert, vielleicht war ich ja wirklich zu emotional, vielleicht gibt’s ja wirklich nur schwarz und weiß, bin ich wirklich zu egoistisch, nehme ich wirklich zu wenig Rücksicht, denke ich wirklich nur an mich, entscheide ich wirklich nur so aufgrund meiner Erfahrungen?
„Deine Wut tut deinen Kindern bestimmt nicht gut!“ lese ich, wenn ich mir mal Luft mache und sage, dass in meinem Umfeld eher Frauen als Männer im Großen und Ganzen die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen, sich eher zuständig fühlen für alles.
„Du bist total unprofessionell!“ wenn ich bei einer beruflichen Zusammenarbeit meine Meinung sage, und ich mich für meine Arbeit einsetze, dass sie so gezeigt wird wie ich sie sehe.
„Du bist total egoistisch!“ wenn ich mich intensiv mit einer Entscheidung auseinandersetze die meine Kinder betrifft und letztendlich nichts mit mir zu tun hat.
„Du bist total verletzend!“ wenn ich ausführlich und vorsichtig meine Bedürfnisse ausspreche.
„Du bist total frech!“ wenn ich als Jugendliche nachfrage, warum ich kurze Fingernägel tragen muss.
Ein ständiges Bewerten und Beurteilen meines Agierens, kein darauf Eingehen, kein Hören des Gegenübers, kein Nachfragen, kein Beleuchten der Situation, kein Hinterfragen des eigenen Verhaltens, das diese Situation so darstellt.
Ein ständiges Gefühl von Angriff, anstelle eines Zuhörens und Nachfragens. Ich bin es so leid ständig zu hören, wie ich bin. Zu viel, zu wenig, zu dies zu das.
Wieso hören wir nicht mehr zu, wieso nehmen wir uns nicht mehr Zeit einander verstehen zu wollen, wieso geht es immer ums Recht haben, wieso will man immer überzeugen? Mein Weihnachtswunsch ans Christkind - BE MORE!SILENT AND LISTEN! Love, Petra.